Spiegelschrift
Welcome! You can call me Minou.
This is just a place for my thoughts,
not my main blog.
Thank you for visiting / following!
i ii iii iv v
“I can’t live here
In my body, I mean
I can’t live in my body all the time it feels too much
So if I ever feel far away know I am not gone
I am just underneath my grief”

Andrea Gibson, Royal Heart (via cityonthesea)
“War sie heute Morgen gar nicht aufgestanden? Konnte sie wirklich noch dort liegen und auf die nächste Nacht warten? Wenn die Dunkelheit einsetzte, war das Schlimmste meistens ausgestanden, dann kam sie heruntergeschlichen und versuchte, etwas zu essen.”

Mikael Niemi (Die Flutwelle)
#no friends - Die Geschichte zweier Mädchen

Die Geschichte zweier Mädchen, einst Freundinnen, von denen die eine den geheimen Blog der anderen entdeckt und darauf angemessen zu reagieren versucht… 

Vor drei Jahren, auf dem Klassenfoto, da sah sie noch aus wie meine gute Freundin, die ich schon seit der 1. Klasse kannte. Sie steht in der Reihe hinter mir, gerade so als wolle sie mir die Hände auf die Schultern legen und sich dezent in Richtung Kamera beugen, um vergnügt Cheese! zu sagen. Ihr ansteckendes Lächeln und ihre funkelnden Augen stellen mich, die in der Stuhlreihe vor ihr sitzt, und den Rest der Schüler kompromisslos in den Schatten.
Es gibt eben Menschen, die springen einem auf Fotos sofort ins Auge. Deren Ausstrahlung lässt sich von der Zweidimensionalität nicht in die Knie zwingen. Meine Freundin war einer dieser besonderen Menschen.

Ich weiß nicht, was danach passiert ist. Die Jahre sind zwischen uns gekrochen und haben uns millimeterweise voneinander losgelöst. Veränderungen, innerliche wie äußerliche, haben unsere Körper und Seelen in die Länge und Breite gezogen, verformt und mit neuen Einstellungen versehen.

Eigentlich konnten wir immer gut miteinander reden, über vieles. Vielleicht nicht über restlos alles, aber irgendwie wusste immer jede von uns, dass jeder Mensch so seine kleineren und größeren Geheimnisse hat. Außerdem weiß ich noch etwas: ein ‚leichtes Leben’ liegt im Auge des Betrachters und wird allgemein hin nur anderen Leuten zugesprochen.

Ihr Leben war nicht immer leicht, aber auch nicht tonnenschwer, wie ich zu behaupten wage. Ihr Leben war oftmals komplett anders und doch in vielerlei Hinsicht exakt wie meines. Deshalb verstanden wir uns wohl häufig auch ohne Worte. Ein tonloses Kichern, ein verhaltenes Blinzeln, ein scheues Zupfen am Ärmel, ein heimliches Baucheinziehen, ein gemeinschaftlich deprimierter Blick auf das Bällchen Eis, dem wir mal wieder nicht widerstehen konnten, obwohl die Badesaison immer näher rückte. All das und noch vieles mehr machte unsere stimmlose Kommunikation aus.

Irgendwann trafen wir uns seltener, wurden die Gespräche sowie die Momente miteinander immer rarer. Unsere Chats lagen tagelang auf Eis – ohne dass es einen triftigen Grund dafür gab. Es gab nur Stille. Unglaublich laut nachhallende Stille. Mit ihrem Echo im Ohr habe ich eines Tages den Blog meiner Freundin gefunden. Es war ein Zufall, den mir das Schicksal da auf dem Silbertablett servierte. Ihr Blog erschreckte mich einerseits – und andererseits überhaupt nicht. Er war ein Hilfeschrei, den ich unterschwellig schon ewig empfing und der mich nun beinahe taub machte ob seiner Intensität. Nur wie ich diese Schallmauer durchbrechen sollte, war mir ein Rätsel. Jedes Mal, wenn wir doch mal wieder miteinander chatteten, fragte ich meine Freundin, wie es ihr geht? Hatte die Hoffnung, sie würde ein Stückchen aus ihrem Schneckenhaus hinauskriechen, wenigstens mal die Fühler herausstrecken. Doch jedes Mal biss ich auf Granit.

Es tat weh, zu wissen, dass sie mich eiskalt anlog. Mir stets versicherte, alles sei okay, sie sei bloß müde, die Schule sei halt scheiße stressig, sie habe die ganze Nacht gelernt usw. Die gleiche alte Leier, wieder und wieder, während auf ihrem Blog wieder und wieder neue Barrikaden aus verzweifelten schwarz-weiß-Fotos auftauchten. Bilder, die das Lebensende herbeisehnten und Sprüche, die meine Freundin als die personifizierte Wertlosigkeit auswiesen. Eine wahre Ode an die unvergängliche Trauer, die mehr und mehr an Klangvolumen gewann. Die sich arglistig zwischen meine Freundin und die Realität drängte.

Auch das tat weh. Ihr und mir gleichermaßen. Ihr, weil sie verzweifelt und alleine zu sein glaubte.
Mir, weil ich in einem fort Verurteilungen las:

Ich heul die ganze Nacht und meinen “Freunden“ ist das scheißegal.

Fett. Hässlich. Eine Versagerin. Kein Wunder, dass niemand was mit mir zu tun haben will…

Ich bin eh nur euer Freund, wenn ich glücklich tu und lächel.

Die Liste schien endlos. Die Schnitte auf den Fotos mehrten sich, das von ihr akribisch im Sidebar notierte Gewicht stürzte in die Tiefe. Auf dem Userpic konnte man sie nicht ganz erkennen, aber ihre Ausstrahlung bahnte sich auch hier ihren Weg aus der Zweidimensionalität des Fotos heraus. In einer Vielzahl von Nachrichten schickten andere User ihr sowohl Komplimente als auch Mut. Allerdings verdampften sämtliche Worte wie Tropfen auf einem heißen Stein. Selbst ein ganzer Roman hätte nicht die Macht gehabt, meine Freundin in irgendeiner Weise umzustimmen.

Irgendwann sandte ich ihr eine anonyme Nachrichten:
Gibt es wirklich gar keine Person, die sich um dich kümmert? Die dich fragt, wie’s dir so geht? Die gerne was mit dir unternimmt?

-Nein.

Die Antwort wog vier Buchstaben und hatte mich so lange auf den Bildschirm starren lassen, bis meine Sicht unscharf wurde. Beim Blinzeln brannten mir die Augen und ich brauchte drei Wattepads, um die vom Weinen verlaufene Mascara gescheit aus meinem Gesicht zu entfernen. An diesem Tag lernte ich, dass vier Buchstaben ausreichten, um etwas in einem Menschen zu töten.

Zudem wurde mir bewusst, dass es egal war, wie oft ich meiner Freundin die Hand hinhielt. Anstatt danach zu greifen, schlug sie sie bloß ein jedes Mal weg – ohne dass ich mir einer Schuld bewusst war. Nie hatte ich sie „eingetauscht“, obwohl sie in so vielen Postings behauptete, alle Leute hätten sie fallen gelassen für jemand anderen, besseren. Nie hatte ich über sie gelästert, obwohl sie in so vielen Postings schrieb, alle in der Schule würden sie hassen und sich das Maul über sie zerreißen. Selbst wenn andere das getan hatten (was mir nie aufgefallen war), warum wurde ich über den gleichen Kamm geschert? Warum hatte sie auch mich zum Feind erklärt und verwehrte mir den Zutritt zu ihrer Welt?

Wenn wir uns trafen, so selten es auch vorkam, ließ sie sich nie anmerken, dass sie mich in irgendeiner Form verabscheute oder mir irgendetwas nachtrug. Sie war nur unbeschreiblich distanziert geworden hinter ihrem Lächeln.

Sag mal, ist das hier zufällig dein Blog?, fragte ich sie eines Tages einfach, nachdem meine Tränen getrocknet und meine Wut erloschen waren. Eine dumpfe Anspannung herrschte in mir vor, brütete direkt in meinem Herzen und trieb mir mit jedem Schlag einen Kloß in den Hals, der meine Stimmbänder blockierte. Deswegen schrieb ich ihr auch, anstatt sie im RL anzusprechen, und kopierte die Blogadresse unter meine Frage. Ich war es leid. Etwas in mir wollte Konfrontation. Klarheit. Wenigstens eine Erklärung. Eine Antwort auf die in mir eiternde und mich kontinuierlich mehr vergiftende Frage nach dem ‚Was habe ich falsch gemacht?’.

Nee, wieso?, kam es jedoch prompt von ihr zurück.
Hm…dacht nur, weil die im Userpic dir voll ähnlich sieht.
Und weil ich dein Leiden nicht länger ertrage. Weil ich nicht länger dabei zusehen kann, wie du im Depressionsmeer untergehst. Weil ich mir Sorgen mache und nicht möchte, dass du hungerst, kotzt, dich quälst, dich verletzt, dich einsam fühlst und mich wie einen Schatten behandelst, den du mitsamt deinem Leben hinter dir zu lassen drohst…
Und weil ich so gern wissen möchte, warum du mich als Freundin aus deinem Leben verbannt hast?

Doch was Letzteres betraf, würde ich wohl auf ewig im Dunkeln tappen…

Kurz darauf war ihr Blog nämlich gelöscht. Einfach so, ohne Ankündigung. Auf meinen letzten Satz hatte sie nie geantwortet. Auch im wahren Leben war ich ihr weder einen Blick noch ein einziges Wort mehr wert. Vermutlich war sie mit ihrem Blog umgezogen. Ich könnte sie suchen und würde sie garantiert finden, sofern ich die richtigen tags abgraste. Dessen war ich mir vollkommen sicher. So wie ich mir auch vollkommen sicher war, dass sie mich schon vor geraumer Zeit als Freundin abschrieben hatte. Denn wie es mir ging, das kümmerte sie allem Anschein nach kein bisschen. Dabei kam es ja nicht von ungefähr, dass ich im schwarzen Meer über ihren Blog gestolpert war…

#depression #alone #sad #worthless #self-hate #eating disorder #self-harm #suicidal #no friends

 ENDE


Sorry, ich hab lange nichts mehr geschrieben…
Aber im Dunkeln von Depressionen kann man wahrlich untergehen. Die einen schneller, die anderen langsamer.

8560) I’m so tired of EDNOS. I feel like I’m not even taken seriously because most people think it’s not even an ED and I’m a normal weight.